Kai Mahler

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Hoffen, dass es hält

Es passierte an den X-Games in Aspen: Beim ersten Finalsprung riss das Kreuzband. Doch Kai Mahler, bald 18 und Freeski-Profi, biss auf die Zähne, zog das Ding durch und sprang noch zwei Mal. Das Resultat: Silber. „Ich habe schon gemerkt. dass etwas nicht in Ordnung war“, sagt Mahler, „aber so richtig weh getan hat es nicht. Sowieso nicht beim Fahren, eher beim Herumstehen.“ Umso grösser war der Schrecken, als das MRI zeigte, was nun folgen würde: Eine lange, lange Pause. Immerhin nicht am Anfang vom Winter, sondern im Januar.

Inzwischen ist ein gutes halbes Jahr vergangen, das dem Fischenthaler viel Geduld abverlangt hat. Ein halbes Jahr ohne Schnee, ohne Skier an den Füssen, ohne Sprünge und ohne Wettkämpfe. Dafür. sagt Mahler, habe er in dieser Zeit viel über seinen Körper gelernt, über Muskelaufbau und darüber, wie ein Knie funktioniert. Oder besser: funktionieren sollte. „Das Härteste war“, sagt er, den anderen beim Skifahren zu sehen zu müssen.“ Und lacht. Das ist typisch für Kai Mahler: Rückschläge, Tatsachen, die er nicht ändern kann, steckt er weg. Ruft man ihn an, hört man nicht nur das leere Läuten, sondern Reggae. Don’t worry, be happy.

Mitte August war Kai Mahler dann tatsächlich ziemlich happy. E stand wieder auf den Skiern. Zwar noch mit der gebührenden Vorsicht, aber schmerzfrei. „Nun muss ich einfach hoffen, dass es hält“, sagt er – das Ziel ist ein Comeback am freestyle.ch in Zürich. Sonst verzichtet Mahler im Moment auf ehrgeizige Ziele: „Ich muss es jetzt einfach nehmen, wie es kommt.“

Ein Jahr bei Red Bull

Der Termin seines erhofften Comebacks fällt mit einem Jubiläum zusammen: Mitte September ist Mahler genau ein Jahr im Team Red Bull. Davon geträumt hat er schon lange, doch dass es so schnell Realität würde, hätte er sich vor einem Jahr nie und nimmer träumen lassen.

Die Geschichte seiner Aufnahme hat das Zeug zur Legende: Am Anfang war eine Autopanne, die gar keine war: Kai Mahler und Elias Ambühl hatten sich in Mettmenstetten, dem Trainingsmekka der Freeskier, verabredet. Ambühl gab vor, eine Autopanne zu haben und bat Mahler, ihm das Überbrückungskabel aus dem Kofferraum zu holen. „Als ich den Kofferraum öffnete, lag dort ein Red-Bull-Helm“, erzählt Kai. Zuerst reagierte er nicht, doch als Elias Ambühl dem erstaunten Kai sagte, dieser Helm gehöre ab sofort ihm, war dessen Freude grenzenlos. Es war der 12. September 2012, der Tag nach Kais 17. Geburtstag.

Kai Mahler ist praktisch mit Skiern an den Füssen zur Welt gekommen. Unmittelbar hinter seinem Elternhaus in Fischenthal im Zürcher Oberland steht ein Skilift. Im zarten Altern von zwei begann Kai, die Hänge hinunterzurutschen. Als er grösser wurde, fing er an, neben der Piste kleine Kicker zu bauen. „Dort haben wir unsere ersten Backflips geübt“, erinnert er sich – „zuerst sind wir brutal auf Kopf und Rücken geknallt, zum Glück hatte es Tiefschnee.“ An seinen ersten richtigen Backflip kann er sich nicht mehr erinnern: „Als ich den Sprung zum ersten Mal stand, realisierte ich es zuerst gar nicht, es ging so schnell.“

Verletzungspech auch früher schon

Mit zehn beschloss Kai, Profi zu werden. „Ich bin immer mit meiner Mutter in die Skiferien gegangen. Sie hat mich und meine Pläne von Anfang an unterstützt.“ Gleich in seiner ersten Saison war Kai meistens auf den ersten Rängen, obwohl er der jüngste in den Contests war. Doch bereits seine zweite Saison musste Kai vorzeitig beenden; der Meniskus ging kaputt. Anderthalb Jahre später folgte ein Schlüsselbeinbruch, noch bevor der Winter richtig angefangen hatte. „Das war hart“, sagt Kai – „es wäre die erste Saison gewesen, in der ich an den grossen Contests und wichtigen Invitationals hätte mitfahren können.“ Er nutzte die Auszeit für Vorbereitungen.

Das zahlte sich aus, denn von nun an ging es stetig bergauf für den Oberländer: er gewann die Juniorenweltmeisterschaften, die Jugendolympiade und holte bei den X-Games zwei Mal Silber. Trainer Misra Noto bezeichnet Kai Mahler als Perfektionisten. Kai selber weiss, dass die Freestyle-Szene härter geworden ist: „Heute muss man neben den Tricks auch Kraft trainieren, vor allem das Rumpftraining ist wichtig. Früher dachten alle, wir fahren ein bisschen Ski, trinken und kiffen. Doch der Sport ist recht seriös geworden. Das heisst nicht, dass wir nicht gerne feiern, aber wir passen auf unseren Körper auf und wissen, was drin liegt und was nicht.“
Auch dieses Jahr hat der September dem inzwischen 18-jährigen Kai Mahler Glück gebracht. Mitte August war er nach einer langen Reha-Zeit endlich wieder auf den Skiern gestanden. Doch die Unsicherheit bliebt bis zuletzt: „Am Donnerstag vor freestyle.ch wusste ich noch nicht, ob ich wie geplant starten könnte – ich konnte meine Tricks noch nicht machen. Doch am Freitag konnte ich super trainieren, da kam auch die Sicherheit zurück.“ Am Sonntag dann flog Kai aufs Podest – sein zweites Silber auf der Zürcher Landiwiese. Darüber, ob es nicht auch hätte Gold ein können, macht er sich keinen Kopf: „Ich fühle mich super, nach sieben Monaten Pause wieder auf dem Podest zu stehen!“. Don’t worry, be happy.